Feminismus und Frauenbewegung im Osmanischen Reich und der Türkischen Republik

Weil ich mich studiumsbedingt die letzten Tage mit fast nix anderem beschäftigt habe, gibt´s hier die Resultate meiner Lernanstrengungen zu betrachten. Literaturtips zum Thema mit Abstracts:

Tekeli, Sirin 1997: Die erste und die zweite Welle der Frauenbewegung in der Türkei, in: Schöning-Kalender, Claudia / Neusel, Ayla / Jansen, Mechtild M. (Hg.) 1997: Feminismus, Islam, Nation. Frauenbewegungen im Maghreb, in Zentralasien und in der Türkei. Frankfurt, New York, S. 73-93.

    Der Aufsatz periodisiert die Thematiserung der Stellung der Frau im öffentlichen Diskurs des Osmanischen Reiches und der Türkei in zwei „Wellen“ (1880-1920 und 1980 bis heute) und einer dazwischen liegenden „Phase der Stille“. Die erste Welle während bis nach der Republikgründungsphase geht zurück auf die „Tanzimat-Reformen“ in der Spätphase des osmanischen Reiches, während derer einige Verbesserungen im Ehe- und Erbrecht sowie im Zugang zur Bildung für Frauen erreicht wurden. Umfangreiche Anstrengungen zur Emanzipation wurden nach dem Befreiungskrieg und der Ausrufung der Republik gemacht, die in der Garantie der vollen verfassungsmäßigen Bürgerrechte (inkl. aktives und passives Wahlrecht) für Frauen am 5.12.1934 gipfelten. Die einzelnen Schritte werden ausführlich aufgelistet. Die zweite Phase beginnt nach dem Militärputsch 1980 als sich nach dem Verbot aller politischen Vereinigungen Frauen in bewußtseinsfördernden Gruppen kritisch mit ihrer Unterdrückung innerhalb der linken Zusammenhänge auseinandersetzen und ihre Erfahrungen in einen autonomen Feminismus münden. Nach der historischen Darstellung nimmt Tekeli eine vergleichende Analyse der beiden Wellen vor und stellt Gemeinsamkeiten (soziale Zusammensetzung der Bewegung, formale Organisierung) und Unterschiede (Zielsetzung, Bezugsrahmen) fest. Die Akteure der ersten Welle thematisierten rechtliche Gleichstellung und Zugang zu Bildung, organisierten Wohltätigkeitsprogramme als direkte ökonomische Hilfe, kritisierten die Polygamie und das Scheidungsrecht und forderten ein Ende der Segregation und Teilnahme am öffentlichen Leben sowie das Recht auf Arbeit. Sie kamen meist aus einer gebildeten städtischer Oberschicht, waren Töchter reformorientierter Paschas oder von Bürokraten mit Zugang zu höherer Bildung und europäischen Fremdsprachen. In der zweiten Welle waren die Befreiung des Körpers und der Identität der Frau von patriarchaler Herrschaft, feministische Autonomie und der konkrete Kampf gegen häusliche Gewalt die beherrschenden Themen, die Akteure waren meist aus dem akademischen Milieu, Intellektuelle, Berufstätige (Anwältinnen, Ärztinnen, Journalistinnen usw.), Studentinnen und später auch Frauen mit einfacher Bildung. Die lange Phase der „Stille“ wird als Resultat der kemalistischen Ideologie erklärt, die mit der Gewährung der vollen Bürgerrechte die Emanzipation als abgeschlossen betrachtete und einen geschichtlichen Mythos etablierte, der besagte, die Befreiung der Frauen wäre allein Atatürks Verdienst. Damit wurde ein Bezug auf die Anstrengungen der osmanischen Frauen verunmöglicht.

Sirman, Dr. Nükhet 1990: Feminismus in der Türkei: Ein Neubeginn?, in: Zeitschrift für Türkeistudien, 3. Jahrgang, Heft 1, 1990, S. 47-76.

    Nach einer ausführlichen historischen Darstellung des Diskurses um die Stellung der Frau vom osmanischen Reich bis in die Gegenwart wird hier v.a. auf den Feminismus im Spannungsfeld zwischen linken und islamistischen Diskursen der Gegenwart eingegangen. Die während der Militärdiktatur starken Repressionen unterliegende Linke kritisierte den neuen Feminismus bisweilen als bürgerlich und opportunistisch, da er kaum Repression seitens des Militärs erfuhr und sich nicht dem Hauptwiderspruch unterordnen lassen wollte. Nichtsdestotrotz gibt es zahlreiche Feministinnen, die sich als sozialistisch verstehen, was auch in entsprechenden Publikationen seinen Ausdruck findet. Ein neues Phänomen ist der islamistische Feminismus, der sich durch einen strengen Antimodernismus kennzeichnet und in der Unterwerfung der Frau unter die Warenform und die Konsum-Ideologie des Westens einen Verlust originärer, gottgegebener weiblicher Identität sieht. Es wird behauptet, daß Mann und Frau vor Gott gleich seien und nur der Islam den Frauen die Rechte zurückgeben könne, die sie durch eine Degeneration der muslimischen Gesellschaften verloren hätten. Die Auseinandersetzung mit dem Phänomen des islamistischen Feminismus nimmt eine zunehmend große Rolle ein, nicht zuletzt weil es bereits zu Zweckbündnissen zwischen Feministinnen und Islamistinnen bei Kampagnen gegen sexuelle Belästigung gekommen ist.

Kandiyoti, Deniz. A. 1987: Emancipated But Unliberated? Reflections on the Turkish Case, in: Feminist Studies 13, No. 2, 1987, S. 317-338.

    Deniz Kandiyoti untersucht inwiefern das Ersetzen der Sharia durch säkulares Recht (wie u.a. in der Türkei geschehen) einen Effekt auf die spezifische Ausprägung des islamischen Patriarchats hat. Dazu beschreibt sie zunächst die Spezifik der Konstruktion und Internalisierung von Geschlecht in muslimischen Gesellschaften, nicht nur der Türkei sondern auch anderer Gesellschaften der Region. Besonderes Augenmerk legt sie dabei auf die Wahrnehmung von weiblicher Sexualität als aktive, für die umma bedrohliche und deswegen ständiger (meist familiärer) Kontrolle zu unterliegende im Gegensatz zur westlichen Wahrnehmung von weiblicher Sexualität als passiver. Dann untersucht sie die Rolle des Staates und politischer Interessen bei der Emanzipation und stellt im Vergleich zur Instrumentalisierung von muslimischen Frauen in den sowjetischen Staaten Zentralasiens als „Ersatzproletariat“ fest, dass die Verbesserung der Stellung von Frauen von Reformregierungen als Schlüssel zur Beseitigung der überkommenen Ordnung gesehen wurde. Diese Instrumentalisierung bedeutet eine Einschränkung für die Möglichkeiten von Feministinnen in postkolonialen Staaten: ihre Forderungen werden oft als Ausdruck kolonialer Interessen wahrgenommen. Der Artikel ist m.E. vor allem wegen der kompakten Beschreibung der Konstruktion von Geschlechtlichkeit unter muslimischen Bedingungen lesenswert.

Arat, Yesim 1997: Der republikanische Feminismus in der Türkei aus feministischer Sicht, in: Schöning-Kalender, Claudia / Neusel, Ayla / Jansen, Mechtild M. (Hg.) 1997: Feminismus, Islam, Nation. Frauenbewegungen im Maghreb, in Zentralasien und in der Türkei. Frankfurt, New York, S. 185-196.

    Die Autorin beschreibt zunächst die Rolle der Frauenrechte im kemalistischen Modernisierungsprojekt und die Anstrengungen einer formalen Emanzipation und die zurgrundeliegende Ideologie der Akteure. Nach der kemalistischen Ideologie sollten Mann und Frau als türkische Patrioten Gleichheit vor der Nation besitzen und ausschließlich nach ihrer Partizipation am Modernisierungsprojekt beurteilt werden. das bedeutet de facto eine Verlagerung der Geschlechterdifferenz in den privaten Raum. Frauen wurden nun als effiziente Haushälterinnen mit modernen Methoden gesehen, die die nächste Generation zu gebildeten, westlich orientierten modernen Türken erziehen sollten. Ein gesellschaftlicher, auch von Frauen getragener Konsens über die gelungene Emanzipation durch den Kemalismus bestand bis in die 80er Jahre. Nach dem Militärputsch übte eine neue Generation am kemalistischen Frauenbild und stellte die Frage nach einer neuen weiblichen Identität. Sexuelle Unterdrückung, häusliche Gewalt und die Hinterfragung patriarchaler Strukturen im tabuisierten Privaten waren die Themen der neuen Feministinnen. Die Forderung sexueller Freiheiten wurde von den Kemalistinnen als zu provokativ abgelehnt. Im Unterschied zum staatsappellativen Handeln der kemalistischen Frauen setzte der neue Feminismus auf zivilgesellschaftliche Insititutionenbildung. Historisch rückblickend wird die Frauenemanzipation in der Gründungsphase der Repubilk als Instrument zur kemalistischen Säkularisierung und Kontrolle der islamischen Opposition bewertet.

Arat, Yesim 1998: Feminist Institutions and Democratic Aspirations: The Case of the Purple Roof Women´s Shelter Foundation, in: Arat, Zehra F. (Hg.) 1998: Deconstructing Images of „The Turkish Woman“. New York, S. 295-309.

    Hier wird eine der ersten Institutionen des neuen türkischen Feminismus vorgestellt. Das „Lila Dach“, ein Frauenhaus, wurde 1990 in Istanbul gegründet. Der Artikel beschreibt die Auseinandersetzungen der Feministinnen mit dem Staat während der Bemühungen unabhängige Institutionen aufzubauen, die Bewegung gegen häusliche Gewalt die sich im Februar 1987 an einem offen sexistischen Gerichtsurteil entzündete und die internen Auseinandersetzungen um Basisdemokratie und das Verhältnis zum Staat in der Purple Roof Women´s Shelter Foundation.

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