Die Tudeh-Partei des Iran

Sommersemester 2005
Institut für Iranistik
Freie Universität Berlin

Die Aufhebung der Religion als des illusorischen Glücks des Volkes
ist die Forderung seines wirklichen Glücks.

Karl Marx, Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie

Inhalt

1. Einleitung

2. Von den Ursprüngen zur Parteigründung

3. Die Aserbaijankrise

4. Der Putsch von 1953

5. Die Islamische Revolution

6. Schluss

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit soll einen komprimierten Überblick über die wichtigsten historischen Stationen der kommunistischen Tudeh-Partei des Iran bieten.
Zunächst sollen die Ursprünge der kommunistischen Bewegung in Persien bis zur Gründung der Tudeh-Partei beleuchtet werden, um dann über die Aserbaijankrise um sowjetische Ölforderungen zur Verstrickung der Partei in den 1953er Staatsstreich zu gelangen. Die Arbeit schließt mit der Rolle der Tudeh-Partei während der Islamischen Revolution und einer zusammenfassenden Einschätzung im Schlussteil.
Der Text stützt sich im wesentlichen auf die umfassende Studie „Modernität und gestörte Wahrnehmung“ von Ashgar Shirazi (Hamburg 2003) und verschiedene weitere Abhandlungen zum Thema.

2. Von den Ursprüngen zur Parteigründung

Bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts fand die kommunistische Idee im Zuge der Umstellung der Produktionsweise vom bäuerlichen Feudalismus zur kapitalistischen Produktionsweise nach Persien. Zwischen 1901 und 1902 organisierte Lenin die Verschickung der bolschewistischen Zeitung „Iskra“ nach Baku und Tabriz. 1904 wurde in der stark von der ölfördernden Industrie geprägten Stadt Baku eine kommunistische Organisation mit dem Namen „Hemmat“ gegründet, von der behauptet wird, den Begriff „Sozialdemokratie“ zum ersten Mal ins Persische übersetzt zu haben. In Baku wurde dann auch im Mai 1917 die Vorgängerin der Tudeh-Partei des Iran (TPI) gegründet, die Gerechtigkeitsapartei (hezb-e edalat) bzw. später Kommunistische Partei (hezb-e komonist-e iran). Die Gründung von Kampforganisationen bspw. für Frauen und Gewerkschaften folgte. Nach dem die Partei und ihre Kampforganisationen 1931 verboten wurde, flohen viele Kader in die benachbarte Sowjetunion und nach Westeuropa, die meisten der Flüchtlinge in der Sowjetunion wurden während stalinistischer Säuberungswellen umgebracht. Von Berlin aus wurden mehrere Zeitschriften herausgegeben, welche die deutsche Regierung jedoch auf Wunsch Irans verbot. 1936 nahm das Regime von Reza Schah einen Großteil der Führungsspitze der KP um Taghi Arani fest, die später als die „Gruppe der 53“ bekannt werden sollte. Taghi Arani wurde im Gefängnis ermordet. Nachdem das mit dem nationalsozialistischen Deutschen Reich sympathisierende Regime von Reza Schah 1941 von den Alliierten besetzt und Mohammed Reza Schah als neuer Herrscher eingesetzt wurde, kamen einige der politischen Gefangenen frei und die „Gruppe der 53“ gründete unter Einfluß der Sowjetunion, die einen Teil Irans besetzt hielt, die Tudeh-Partei des Iran (hezb-e tudeh-ye iran). In Übereinstimmung mit der moskaudominierten Komintern trat die Neugründung unter dem Vorsitz von Mohsen Eskandari als antifaschistische und reformistische Kraft auf. Mit parlamentarischer Arbeit, Streiks und Demonstrationen wuchs die Partei bis 1946 auf bis zu 25.000 Mitglieder. Zudem dominierte die TPI den iranischen Gewerkschaftsverband (shoura-ye mottahedeh-ye markazi-ye etehadiyehha-ye kargaran va zahmatkeshan-e iran) der einige hunderttausend Mitglieder zählte.

3. Die Aserbaijankrise

Im September 1944 forderte die Sowjetunion Konzessionen zur Ölförderung im Iran. Der Majlis, das iranische Parlament, sprach sich jedoch gegen die Vergabe neuer Ölförderkonzessionen aus. In der Folge agitierte die Tudeh-Partei ihrer prosowjetischen Linie gemäß gegen die Regierung Qavam und für eine Vergabe von Ölförderkonzessionen an die UdSSR. Eine aserbaijanische Autonomiebewegung wurde von der Sowjetunion militärisch unterstützt und etablierte eine autonome Regierung unter dem Schutz der Roten Armee. Die Truppen der Zentralregierung wurden entwaffnet, eine autonome Regierung unter Jafar Pishevari entstand. Premierminister Qavam war dazu gezwungen Verhandlungen mit Stalin aufzunehmen um die sowjetische Militaärpräsenz zu beenden und Aserbaijan zurückzugewinnen. Die Autonomie währte nicht lange: nachdem Qavam der Sowjetunion die geforderten Ölförderonzessionen zugestand, entzog sie der Autonomiebewegung die Unterstützung, was zu ihrer Zerschlagung führte. Regierungstruppen rückten in Aserbaijan ein und die autonome Regierung um Jafar Pishevari musste in die UdSSR fliehen. Ihr kritikloses prosowjetisches Verhalten während und nach der Aserbaijankrise brachte der Parteiführung harsche Kritik aus den eigenen Reihen und von außerhalb ein, was 1948 zur Abspaltung eines großen Teils des Parteikaders um Khalil Maliki führte, der sich später als „Dritte Kraft“ zur eigenen politische Bewegung formierte.

4. Der Putsch von 1953

Im Jahr 1951 übernahm eine neue politische Kraft die Macht: die Nationale Front unter Premier Mohammed Mossadegh war eine nationalliberale Sammlungsbewegung, die das formelle Verbot der Tudeh-Partei nicht durchsetzte, für das Frauenstimmrecht eintrat und eine Verstaatlichung der Anglo-Iranian Oil Company (AIOC) forderte. Die Aktienmehrheit der AIOC befand sich in der Hand des britischen Staates, was sie als größten Konzern auf iranischem Staatsgebiet zum Werkzeug britischer Einflußnahme machte. Zudem war der Teil der Rendite, der an den Iran als Geber der Ölförderkonzessionen zurückfloss, im Verhältnis zum Gewinn, den die AIOC mit der Ausbeutung des iranischen Öls machte, verschwindend gering. Im Frühjahr 1951 verstaatlichte die Regierung Mossadegh die gesamte Erdölindustrie und enteignete damit die AIOC, der Entschädigungen angeboten wurden.
Obwohl das Programm der Nationalen Front weitgehende Übereinstimmungen mit den politischen Forderungen der Tudeh-Partei aufwies, startete sie eine Propagandakampagne gegen die Regierung Mossadegh, die sie als verschwörerische Handlanger des britischen Imperialismus diffamierte, die zum Ziel hätten, das iranische Volk mit ihrer Politik zu täuschen. Die Opposition der Tudeh-Partei resultierte zum größten Teil aus der neutralen Politik von Premier Mossadegh, der es ablehnte, den Iran politisch oder ökonomisch in Abhängigkeit zur UdSSR zu bringen. Zu dieser Zeit war die TPI mit harten internen Auseinandersetzungen und Fraktionierungen zwischen einer moderaten, die Kooperation ohne Führungsanspruch mit bürgerlichen Kräften suchenden Fraktion und einer den absoluten Führungsanspruch der Partei des Proletariats vertretenden Fraktion beschäftigt. Zudem war das Zentralkomitee zwischen den lokalen Kadern und den nach einem Attentatsversuch 1949 in die Sowjetunion geflohenen Kadern gespalten. Beide Fraktionen, in ihrer kompromisslosen Unterstützung sowjetischer Ansprüche allerdings einig, lieferten sich Auseinandersetzungen über die Hegemonie innerhalb des Parteiapparats, was zu seiner Schwächung und weiteren Fehleinschätzungen der innenpolitischen Situation führte. Gemäß der Erklärung Stalins an den 19. Kongress der KPdSU, die besagte, die Bourgeoisie der kapitalistischen Länder hätte „die Fahne der Demokratie niedergelegt“, nahm die TPI die Nationale Front nicht mehr als demokratische Kraft wahr, sondern opponierte offen gegen Mossadegh, ungeachtet der Unterstützung die seine Politik in der Bevölkerung genoss. Als die Angriffe monarchistischer und islamistischer Kräfte gegen Mossadegh zu nahmen und sich abzeichnete, dass die Geheimdienste Großbritanniens und der USA an einem Sturz der Regierung arbeiteten, unternahm die TPI nichts um dem zuvorzukommen, sondern erklärte, im Falle eines Putsches den bewaffneten Kampf zur Etablierung einer demokratischen Republik aufzunehmen. Allerdings aktivierte sie ihre militärische Organisation und ihre paramilitärischen Kampfverbände nicht, als pro-monarchistische Truppen die Macht übernahmen.
Der erfolgreiche Putsch, die Machtübernahme Mohammed Reza Schahs und die Fehlentscheidung der TPI, nicht einzugreifen, führten zur schwersten Repression gegen den Parteiapparat in ihrer bisherigen Geschichte. Zahlreiche Kader und Sympathisanten wurden verhaftet oder gezwungen ins Ausland zu fliehen. Zwar wurden nach dem Putsch im Herbst 1953 Pläne für die Bewaffnung der Parteimitgliedern und die Aufnahme bewaffneten Widerstandes entwickelt, sie wurden jedoch nicht in die Tat umgesetzt. Mit der Aufdeckung der geheimen militärischen Organisation der Tudeh-Partei im darauf folgenden Jahr und der anschließenden Verhaftungswelle war die Widerstandskraft der Partei entscheidend geschwächt und der Parteiapparat faktisch zerschlagen. Das vierte Plenum der TPI, das 1957 in Moskau stattfand, formulierte eine Kritik am Versagen der Parteiführung, die sich auf mangelnde Kenntnisse des Marxismus-Leninismus und der Revolutionstheorie Stalins seitens der TPI-Führung kaprizierte. Das Versagen der TPI konnte ihren Anspruch auf die Führung einer iranischen Revolution jedoch nicht schwächen: die Hauptschuld am Putsch wurde offiziell der Nationalen Front zugeschrieben. Von dem Zusammenbruch in der Folge des Putsches sollte sich die Partei nie wieder erholen, was ihre schwache Rolle in der Anti-Schah-Bewegung bedingte.

5. Die Islamische Revolution

Gegen das diktatorische Schah-Regime, dessen pompöse Selbstinszenierung im krassen Gegensatz zur wachsenden Verarmung großer Teile der Bevölkerungstand, entwickelte sich eine von breiten Schichten der Bevölkerung getragene Oppositionsbewegung, deren neuer Charakter war, dass sie vom schiitischen Klerus dominiert wurde. Der Klerus, der unter der Herrschaft des Schahs und der verordneten kulturellen Modernisierung nach westlichem Vorbild seine traditionelle Macht schwinden sah, nutzte seine religiösen Freiräume und die Schwäche der Linken um die Bewegung zu organisieren, die in dem in Paris exilierten Ayatollah Khomeini eine Integrationsfigur fand. Sozialistische Forderungen streikender Arbeiterräte verbanden sich mit einer religiösen Ideologie, die den schiitischen Islam als revolutionäre, gegen Imperialismus und Despotie gerichtete Idee entwarf. Eine durch jahrelange Repression geschwächte TPI sah sich plötzlich einer revolutionären Bewegung gegenüber, die sich keineswegs so entwickelt hatte, wie es ihr marxistisch-leninistisches Weltbild vorsah. Nach der Flucht des Schahs und der Selbsterklärung Khomeinis zum Staatsoberhaupt versuchte die TPI, von den Ereignissen überrascht, durch eine Anerkennung der neuen Führung ihre Existenz zu retten. Die TPI charakterisierte die islamisch-antiwestliche Bewegung als fortschrittlich und antiimperialistisch, weil sie sich gegen die Einflussnahme der USA und Großbritanniens wende und versuchte sie in Richtung Sozialismus zu beeinflussen, was angesichts der politischen Isolierung der Tudeh-Partei schwierig war. Im völligen Widerspruch zum antireligiösen Marxismus entwarfen Theoretiker der Partei einen Gegensatz zwischen einem „wahren“ fortschrittlichen Islam, den es zu unterstützen gelte und einem „falschen“ Islam, welcher der Reaktion diene. Sie erkannten angebliche Schnittmengen des „wahren“ Islam mit der sozialistischen Idee und forderten dazu, diese Strömungen zu vereinigen. Der „islamische Reformismus“ wurde als eine notwendige Begleiterscheinung während des Übergangs vom Feudalismus zum Kapitalismus analysiert, die Ausdruck des Volkswillens sei und deshalb fortschrittliche Tendenzen in sich berge. Die islamistische Ideologie des binesh-e touhidi, die religiöse und sozial-egalitäre Forderungen enthielt und u.a. von Ayatollah Taleqani vertreten wurde, nahm die TPI als eine hinreichende ideologische Basis für eine Zusammenarbeit von „fortschrittlichen“ Islamisten und Kommunisten an. Politische Konsequenzen dieses Prozesses waren vor allem auf Seiten der Tudeh-Partei zu finden: sie empfahl ihren Anhängern beim ersten Volksentscheid im März 1979 für die Islamische Republik zu stimmen, stimmte für den Verfassungsentwurf der die Herrschaft des Klerus (velayat-e faqih) festschrieb und lobte in ihren Publikationen die Maßnahmen des neuen Regimes, auch wenn sie die Unterdrückung der linken und demokratischen Opposition betrafen, zum Teil wirkte die TPI an den „Säuberungen“ aktiv mit.
Trotz aller Anbiederungsversuche hielt die neue klerikale Führung Distanz zur TPI und bezog sie nicht in politische Entscheidungsprozesse ein. Vielmehr startete die islamistische Presse vehemente Propagandaattacken gegen iranische Kommunisten und die Sowjetunion. Zwischen 1982 und 1984 wurde die Tudeh-Partei des Iran vom nunmehr gefestigten klerikalen Regime endgültig zerschlagen. Mehrere Tausend Kader und Sympathisanten wurden festgenommen und teils hingerichtet.

6. Schluss

Eine gründliche Analyse des Scheiterns der Politik der TPI setzte eine Studie voraus, welche die Positionen der Tudeh-Partei ideologiekritisch untersucht und ins Verhältnis zur historischen politisch-ökonomischen Situation stellt. Dies würde den Rahmen der vorliegenden Arbeit sprengen. Jedoch lassen sich bestimmte Fehler festhalten: an den relevanten Stellen ihrer Geschichte war die TPI unfähig eine Politik zu betreiben, die ihrem Anspruch als Vertreterin des iranischen Proletariats entsprach. 1953, als der monarchistische Putsch gegen die nationalliberale Regierung Mossadegh absehbar war, entschloss sie sich nicht zur Verteidigung der Demokratie, also ihrer eigenen Arbeitsgrundlage, die Streikfreiheit und kommunistische Organisation ermöglichte, sondern begriff sich in Konkurrenz zu den demokratischen Kräften. Während der Erhebung von 1979 entwickelte sie aus ihrer organisatorischen Schwäche heraus einen Opportunismus, der die Grundlagen der materialistischen Weltanschauung ad absurdum führte. Das anbiedernde Lobpreisen reaktionärer religiöser Ideologie führte nicht zum erwünschten Ergebnis der Partizipation an der Macht im neuen Iran, sondern hatte die vollständige Erosion der weltanschaulichen Grundlagen der Partei und letztlich ihre Zerschlagung zur Folge. Als Gründe für diese Fehlentscheidungen lassen sich nicht nur politisch-opportunistische Gründe ausmachen, sondern auch eine grundsätzlichere ideologische Fehlannahme, die weitere nach sich zog. Der Antiimperialismus als politische Tagesparole vieler marxistischer Bewegungen während der Blockkonfrontation brachte die TPI dazu, nicht mehr den Klassenwiderspruch im eigenen Land zu forcieren, sondern den iranischen Nationalstaat, in der Rolle des ideellen Gesamtkapitalisten im marxistischen Sinne eigentlich Funktion des zu bekämpfenden Kapitals, als Bezugsrahmen eines übergeordneten antiimperialistischen Kampfes gegen das westliche Lager zu akzeptieren. Die Unterordnung des Klassenkampfes innerhalb Irans unter den antiimperialistischen Kampf gegen die USA, der im Bündnis mit den Islamisten gefochten werden sollte, war verhängnisvoll. Die schiitischen Kleriker verstanden sich keineswegs als Antiimperialisten im Sinne einer für den Sozialismus, mithin für de Ostblock eintretenden politischen Ideologie, sondern als antiwestlich und antimodern.
Allerdings lässt sich das Versagen der TPI auch an ihrer Unfähigkeit, die Sowjetunion als imperialistischen Hegemon wahrzunehmen festmachen. Die kompromisslose Unterstützung der sowjetischen Linie auch entgegen den Erfordernissen aktueller sozialer Kämpfe im Iran kostete der TPI nicht nur Glaubwürdigkeit, sondern verursachte nach der Aserbaijankrise 1948 auch eine der größten parteiinternen Spaltungen in ihrer Geschichte. Während der Besatzung nach dem zweiten Weltkrieg wurden Streiks für bessere Arbeitsbedingungen in der sowjetischen Besatzungszone unterdrückt und nach der 79er Revolution gegen das islamistische Regime nicht aktiv unterstützt.
Der Disziplin gegenüber der Komintern und dem antiimperialistischen Hauptwiderspruch wurden die Interessen des iranischen Proletariats untergeordnet, somit entledigte sich die Tudeh-Partei des Iran selbst ihres ursprünglichen Auftrags als organisierende Kraft des iranischen Proletariats und Vorkämpferin für eine umfassende menschliche Emanzipation.

Literaturverzeichnis

Behrooz, Maziar (undatiert): State of Paralysis. Tudeh Factionalism and the 1953 Coup. http://www.iranchamber.com/history/articles/state_of_paralysis.php

Gronke, Monika 2003: Geschichte Irans. Von der Islamisierung bis zur Gegenwart. München.

Poya, Maryam 1987: Iran 1979. London.

Schirazi, Ashgar 2003: Modernität und gestörte Wahrnehmung. Eine Fallstudie über die Tudeh-Partei des Iran und ihr Verhältnis zur Demokratie. Hamburg.

History of the Tudeh Party of Iran. http://www.iranchamber.com/history/tudeh/tudeh_party01.php